Die grüne Hölle

Der Wienerwald gilt gemeinhin nicht als sonderlich gefährliches Gebiet, doch auch hier gibt es Orte, die ihren Tribut fordern. Dort, wo der Laubwald dicht und die Sonne nur noch schwerlich durch die Blätter bricht, trügt das wild-romantische Bild: Ich nenne das „Die grüne Hölle“.

Die grüne Hölle

Die grüne Hölle

Am Ende des steinigen Trails hinab von einem nur den Locals bekannten Gipfel, dem G-Punkt des Wienerwalds,  bricht der Waldboden plötzlich auf. Wie des Teufels Adern sprengen dicke Wurzeln durch die tief schwarze Erde, die sich durch Erosion über die Jahre am Fuße des Berges angehäuft hat. Dann bricht der Weg links steil weg, nur wenige Meter später schlägt er nochmals nach links, in einer nach außen hängenden Kurve. Nur schwer finden noch so grobstollige Reifen halt im weichen Erdreich. Viele sind dort schon gescheitert, nur die ganz mutigen stützen sich dort hinunter.

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Doch unbarmherzig ist der Urwald an dieser Stelle – oftmals müssen die Hasardeure dann ihr Gerät aus dem Dickicht bergen, nachdem sie die grüne Hölle unbarmherzig in den Dreck geworfen hat.

IMG_20140628_075152Auch ich habe dort die Urgewalten der Natur herausgefordert. Und als ich sie schon als bezwungen geglaubt hatte, fast schon wieder aus der Hölle draußen, da schlug sie doch noch hinterlistig zu: Als ich im Schritttempo langsam und bedacht in die Ausfahrt dieser diabolischen Passage bog, gab der Boden unter meinem Vorderrad nach und zwang mich zu Fall.

Ohne weiter darüber nachzudenken stand ich wieder auf, war ich ja bloß nur zur Seite gekippt – doch als ich mich hinunter bückte, um das Bike wieder aufzuheben, fuhr mir der Schreck wie ein Blitz aus heiterem Sommerhimmel direkt in mein Hirn: Am rechten Schienbein klaffte die Haut auf gut zehn Zentimeter weit auseinander, blutrot offenbarte sich das Fleisch darunter!

„Scheiße, Nein!“ schrie ich nur laut auf die Frage meiner Freunde, ob denn alles OK sei. Heldenhaft sprangen diese sofort von ihren Bikes, schlugen Äste und Gestrüpp zur Seite und bahnten sich den Weg durch die Wildnis, um mir zu Hilfe zu eilen. Ich drückte unterdessen mit beiden Händen mein Bein fest zusammen, Erinnerungen aus dem Erste Hilfe Kurs wie Druckverband und Blutverlust rasten durch meinen Kopf.

Reinhard und Wolfgang, die als erster zu mir vordringen konnten, erkannten sofort den ernst der Situation – gemeinsam mit Thomas bargen sich mich aus den Fängen des Dschungels. Nur raus, raus aus dieser grünen Hölle!

Wospi, der bereits zuvor an der Forststraße angelangt war und die bangen Momente so nur aus der Ferne beobachten konnte, hatte bereits das Mobile am Ohr und wies dem Roten Kreuz den Weg zum Ort der Unglücks, als sich meine Retter, mich stützend auf ihren Schultern, aus der Wildnis hinaus gekämpft hatten. Über Telefon gaben die Sanitäter erste Anweisungen: Nichts essen oder trinken, sollte eine Operation notwendig sein, während wir die Wunde notdürftig verbanden, mit Ärmlingen, die wir ob des noch kühlen Mai-Wetters dabei hatten.

Doch was war geschehen, wie konnte so ein harmloses zur Seite kippen im fast schon Stillstand zu dieser Katastrophe führen? War das die Rache der grünen Hölle, weil wir nicht davon ablassen konnten, immer und immer wieder unsere Kräfte mit ihr zu messen?

Anscheinend fuhr das Kettenblatt, wegen der mehrjährigen Abnützung schon scharf wie ein Sägeblatt, direkt ins Schienbein und schnitt dieses wie mit einem Skalpell auf. Durch den glatten Schnitt blutete die Wunde nur mäßig und schmerzte nicht. Wir konnten sogar noch dem Roten Kreuz entgegen fahren, wussten wir ja nicht, ob der Schranken weiter unten auf der Forststraße geöffnet war.IMG-20150517-WA0003Richtung Mödling ging es dann weiter im Rettungswagen, dort wurde die Wunde ordentlich gereinigt und vernäht, nachdem eine polizeiliche Überprüfung meiner Fahrtüchtigkeit – 0,0 Promille am Sonntag Morgen um 8:30 Uhr ist auch sehr löblich – erfolgte.IMG-20150517-WA0007

Vielen Dank an Wospi, Wolfgang, Reinhard und Thomas, sowie dem Roten Kreuz für die Hilfeleistung und das Heimtransportieren meines MTB.